Der eine oder andere mag sich nun voll Grauen abwenden, und auch ich sitze hier und frage mich, was ich eigentlich schreiben will.
Eigentlich ist doch Frühling, und der Fokus sollte auf dem Entstehen und Werden sein. Und doch drängt es mich zu einem Thema, das mir schon länger an den Haken klebt, mich fasziniert und mich nicht loslässt.
Vor wenigen Wochen ist ein Vereinskollege plötzlich verunglückt.
Da bist du mittendrin in dem, was deine Leidenschaft ist, dich lebendig hält, dich aus vollster Seele das Leben spüren lässt. Und dann, vorbei.
Vielleicht ist auch die Natur gerade ein gutes Symbol dafür. Mitten im Frühling, während das große Blühen beginnt, die Knospen platzen, kam er, dieser feuchte, nasse Schnee. Deckt alles unter seiner hohen Last zu, und so manch eine Blüte wird ihn nicht überleben.
Das Einzige, das absolut Einzige, was in unserem Leben sicher ist, ist, dass wir sterben werden. Warum dann dieses Tabu darüber? Warum will noch nicht mal dieses Wort über die Lippen und wird in vielfältiger Form umschrieben? Gegangen, eingeschlafen, hat uns verlassen, ist nicht mehr unter uns. Manches stimmt. Natürlich ist der Tote nicht mehr unter uns, wobei sein Körper schon noch unter uns sein kann. Trotzdem ist er tot.
Aber warum eingeschlafen? Was wollen wir damit sagen? Ein Schlafender wacht wieder auf. Ein Toter nicht. Nicht in seinem Körper. Und mehr wissen wir nicht. Was auch immer danach sein könnte, es bleibt in einer Grauzone, die wir vielleicht erfühlen können, aber wir können es nicht messen, haben keine Berichte, Bilder, Nachweise.
Und wie wir uns gegen ihn wehren. Da wird mit allen Mitteln der Medizin am Leben festgehalten, koste es, was es wolle. Auch wenn es viele Nachteile, Beschwerden und Ungemach mit sich bringt. Die Beurteilung, ob das Leben dann noch immer lebenswert ist, wage ich nicht zu treffen. Das mögen die tun, welche mitten in diesem Prozess stecken.
Wenn gar nichts mehr hilft, kann man sich immer noch einfrieren lassen. Hoffnungsvoll darauf wartend, dass in einer – nahen oder fernen Zukunft – etwas gefunden wird, um das Leben wieder aus der Kälte neu erstehen zu lassen. Wie es wohl sein wird, wenn du aufwachst und nichts mehr so ist, wie du es kanntest? Die Sprache hat sich verändert, die Kleidung, die Art, wie Menschen leben, keiner von denen, die du kanntest, ist da. Aber du, du lebst wieder!
So wie wir uns gegen dieses Ende wehren, sollte man meinen, dass wir doch das Leben dann zumindest wertschätzen, feiern, in tiefsten Zügen genießen. Bevor das schwarze Unheil über uns hereinbricht. Oft tun wir das allerdings nicht. Wir vergraben uns in Tätigkeiten, die ihren Sinn schon längst verloren haben, halten an Bekanntem fest, obwohl es außer der Sicherheit des Vertrauten wenig bis nichts mehr gibt, was uns begeistert. Verbringen Stunden damit, dem Leben anderer zuzusehen, sei es in Netflix, Instagram, TikTok oder wie sie alle heißen.
Wir sehen dem Leben zu, als würde es nie enden.

Wir umgeben uns mit Dingen, Materiellem, als würde unser Glück daran hängen, diese modische Hose, jenes neueste Technikspielzeug oder dieses schöne rote Cabrio mit den weichen Ledersitzen zu besitzen. All das wofür? In dem wild verzweifelten Wunsch, gesehen, anerkannt, geliebt zu werden? Endlich dieses warme, starke Gefühl zu spüren, jemand zu sein? Wichtig zu sein. Wertvoll.
So werden Dinge gekauft, Körper verändert, an ein Ideal angepasst. Für einen kurzen Moment des was-auch-immer.
Unsere Erde ist ca. 4,5 Milliarden Jahre alt. Damit es deutlich wird: Die Zahl ist 4.500.000.000. Eine Zahl, die ich mir nicht vorstellen kann. Und unser Menschenleben spielt sich im Bereich der letzten zwei Nullen ab. Diese ganze Geschichte der Menschheit im Bereich der letzten sechs Nullen.
Dabei ist die Erde nur ein winziger Punkt in einer unendlichen Leere, von der wir so gut wie nichts wissen. Die sich noch dazu wie eine wild gewordene Billardkugel um sich selbst und um die Sonne dreht. Während die Sonne diesem ganzen Gewimmel wie eine Kuh den Schmeißfliegen zu entkommen trachtet und sich ihrerseits mit einer aberwitzigen Geschwindigkeit durch das Nichts bewegt.

Um dieser absurden Überlegung die Krone aufzusetzen, kann man noch daran denken, dass unsere Erde an sich eine irrsinnig heiße Feuerkugel ist mit einer dünnen Kruste, auf der die sogenannte Krone der Schöpfung sitzt, den Planeten ruiniert, Kriege beginnt und sich gegenseitig tötet aus den verschiedensten – natürlich völlig rationalen – Gründen….. Seufz. Vielleicht sollten Sie endlich diese Hyperraumumgehung bauen. Dann müssten wir uns wirklich nicht mehr mit dem Tod – unserem Tod – beschäftigen.
Bis dahin sollten wir vielleicht endlich den Tod wieder in unser Leben integrieren. Damit er uns täglich daran erinnern kann, was schön an diesem Leben ist.
Dass wir es Leben, um alles Mögliche zu erfahren. Zum Beispiel, wie sich die Sonne auf der Haut anfühlt, die Haut eines anderen Menschen, den ich berühre, die raue Rinde eines Baumes unter meinen Händen.
Oder wie die Natur nach einem Regen riecht, ein frischer Waldboden, eine Rose, ein Bärlauchfeld.
Das Wissen um die Endlichkeit macht unser Leben umso wertvoller. Wir sollten dem Tod einen Ehrenplatz in unserer Mitte geben, ihm danken, ihn in die Mitte unserer Gesellschaft holen, statt ihn wie einen ungeliebten Verwandten zu verleugnen, zu verschweigen und zu verstecken.

Jeder Marketingexperte weiß, dass du am besten mit Verknappung verkaufst, unser menschliches Wesen spricht absolut darauf an. Der Tod ist die ultimative Verknappung.
Holen wir ihn zurück in unser Leben. Geben wir ihm den Raum, den er verdient. Damit unser Leben damit bunter, ehrlicher und intensiver werden kann.
Wer mehr dazu hören will, darf gerne mal in die blaue Couch hineinhören, wo Franziska Schwimmer über ihre Beruf(ung) als Bestatterin erzählt. Link hier.
Blaue Couch · Franziska Schwimmer, Bestatterin, „Ich bin Botschafterin für den Tod geworden.“ · Podcast in ARD Sounds
Oder in den endlich Podcast, der den Tod auch von ganz vielen Seiten beleuchtet. Link.
endlich. Podcast – Wir reden über den Tod