Kennst du das? Man denkt: „Wäre doch schön, wenn mal alles glattläuft.“ Kein Stress, keine Konflikte, keine Rückschläge. Einfach Ruhe.
Klingt gut – ist aber langfristig nicht unbedingt das, was uns stark macht.
Schauen wir mal kurz in die Natur. Wenn du Pflanzen beobachtest, so kannst du oft beobachten dass sie durch ihre Umgebung geformt werden. Gerade bei Bäumen formt der Wind ihre Gestalt nicht nur passiv – die Bäume passen ihr Wachstum aktiv an. Wer gerne komplizierte Wörter mag, es gibt eines dafür. Der Vorgang heißt Thigmomorphogenese.
Es bedeutet, das Pflanzen ihr Wachstumsmuster auf mechanische Reize wie Wind, Berührung oder Regen anpassen. Sie werden dadurch tendenziell kürzer, dicker und mechanisch stabiler, weil sie Fasern mit höherer Dichte ausbilden.

Ohne diese mechanische Stimulation werden die jungen Pflanzen oft länger, dünner und damit anfälliger und schwächer. Die Reize von außen wirken wie ein Training der für die notwendige Festigkeit sorgt.
Mit anderen Worten: Ein bisschen „Gegenwind“ sorgt dafür, dass Struktur entsteht.
Und was heißt das für uns?
Resilienz bedeutet nicht, dass uns nichts aus der Bahn wirft. Es bedeutet auch nicht, dass wir alles cool wegstecken müssen. In der Psychologie beschreibt Resilienz die Fähigkeit, mit Belastungen umzugehen, handlungsfähig zu bleiben und sich nach Krisen wieder zu stabilisieren.
Und jetzt kommt der spannende Punkt: Diese Fähigkeit entsteht nicht im Schonmodus.
Wenn wir nie scheitern, nie Kritik bekommen, nie an unsere Grenzen kommen, dann fehlt uns gewissermaßen der Trainingsreiz. Moderate, bewältigbare Herausforderungen helfen unserem Gehirn dabei, bessere Strategien zur Stressverarbeitung zu entwickeln. Netzwerke für Emotionsregulation, Problemlösung und Selbstkontrolle werden durch Nutzung gestärkt – nicht durch Vermeidung.
Das heißt nicht: Stress ist immer gut. Dauerhafte Überforderung kann krank machen. Aber zwischen „keine Herausforderung“ und „Dauerkrise“ liegt ein Bereich, in dem wir wachsen können.

Komfortzone: bequem, aber nicht hilfreich
Unsere Komfortzone fühlt sich sicher an. Planbar. Überschaubar. Und ja – wir brauchen diese Phasen. Regeneration ist wichtig. Aber wenn wir ausschließlich dort bleiben, trainieren wir unsere Bewältigungskompetenzen nicht.
Resilienz entwickelt sich, wenn wir erleben:
Ich kann mit dieser Situation umgehen.
Ich finde eine Lösung.
Ich halte das aus.
Psychologen sprechen hier von Selbstwirksamkeit – dem Vertrauen in die eigene Fähigkeit, Herausforderungen zu bewältigen. Dieses Vertrauen entsteht nicht durch Theorie, sondern durch Erfahrung.
Was uns wirklich stabil macht
Forschung zeigt immer wieder: Resilienz ist kein angeborenes Super-Talent.
Sie ist ein Prozess bei dem uns manches hilft:
- Andere Menschen so dass wir spüren, dass wir nicht alleine sind.
- Sich einlassen auf die Situation, sie aus verschiedenen Perspektiven betrachten und bewerten.
- Unsere Gefühle die wir dabei haben wahrnehmen und zulassen, ohne dass sie uns überrollen.
- Den Sinn verstehen. Wofür kann diese schwierige oder negative Erfahung für mich gut sein.
All das lernen wir nicht im Durchdenken. Wir lernen es, wenn wir es erfahren, wenn wir es durchleben.

Ein Bild aus der Mythologie
Der Mythos vom Phönix passt hier gut. Er verbrennt und steigt aus seiner Asche neu auf. Natürlich ist das keine Biologie, sondern Symbolik. Aber die Botschaft ist klar: Nicht das Vermeiden des Feuers macht stark – sondern die Fähigkeit, durch das Feuer zu gehen. Anteile verbrennen und sterben zu lassen und mit dem was überbleibt neu anzufangen.
Genau das ist Resilienz.
Die richtige Dosis
Wichtig ist auch hier, dass immer nur weiter, weiter, durchhalten nicht der Weg ist.
Wie im Sport brauchen wir eine sinnvolle Dosierung. Zuviel Training – ohne Pausen – führt nicht zum Ergebnis, das wir gerne hätten.
Dauerstreß führt nicht zur Stärke, sondern zur Erschöpfung oder zu einem Zusammenbruch.
Wir dürfen immer auf uns hören und uns die Pausen gönnen die wir benötigen. Oft hilft hier schon ein kleines Innehalten, Momente mit einem guten Gespräch, einem Buch, ein Spaziergang, das Beobachten der Amsel die auf dem First singt oder das eigene Lied.
Resilienz entsteht im Wechselspiel: Herausforderung, Bewältigung, Erholung.

Fazit
Wenn du also gerade Gegenwind spürst, heißt das nicht automatisch, dass etwas falsch läuft. Vielleicht bist du nur gerade im Trainingslager des Lebens.
Wir werden nicht stark, weil alles leicht ist.
Wir werden stark, weil wir lernen, mit Schwierigkeit umzugehen.
Ein Leben komplett ohne Widerstand wäre vielleicht bequem.
Aber Stärke entsteht erst, wenn wir lernen, im Wind zu stehen. Öfter mal im Regen tanzen!