„Remember, Mugwort, what you brought to pass.
You are called Una, oldest of herbs.“„Gedenke, Beifuß, dessen, was du vermagst,
dessen, was du in großer Kraft vollbracht hast.
Una heißt du, die Älteste der Kräuter.“

Die Worte stammen aus einer anderen Zeit.
Sie wurden gesprochen, nicht gelesen.
Leise, konzentriert, vielleicht am Rand eines Feuers oder im Schutz eines Hauses.
In diesem alten Kräutersegen wird der Beifuß direkt angerufen – nicht als Beiwerk, sondern als eigenständige Kraft.
Una, die Eine, die Erste.
Die Älteste der Kräuter. Der Auszug ist aus dem Neunkräuter-Spruch der uns aus dem England des 9.Jahrhunderts überliefert ist.
Ich habe hierzu auch den altenglischen Text gefunden, der einen ganz eigenen Charm hat:
“Gemyne þu, mucgwyrt, hwæt þu mehte,
hwæt þu on þrymm/e gefremedest.
Una þu hatte, ealdost wyrta.”
Was hier mitschwingt hat nichts mit Schönheit und Zierde zu tun, für mich ist hier viel Macht, Stärke und Wissen.
Eine Pflanze der Ränder
Wer Beifuß kennt, weiß: Er wächst selten dort, wo alles geordnet ist. Man findet ihn an Wegrändern, auf offenen Flächen, an Böschungen, zwischen Schutt und Erde. Dort, wo etwas im Übergang ist.
Das Satte mag er nicht, er gedeit im Kargen. Wer in den Norden fährt, hat ihn kilometerweit an den Autobahnen als Begleiter, während er in den fetten Wiesengegenden nicht zu finden ist.
Botanisch gehört Beifuß (Artemisia vulgaris) zur Familie der Korbblütler. Er ist eine mehrjährige, robuste Pflanze, oft über einen Meter hoch, mit dunkelgrünen, tief eingeschnittenen Blättern, deren Unterseite silbrig schimmert. Seine Blüten sind klein und unscheinbar. Er fällt nicht durch Farbe auf, sondern durch Präsenz.
Beifuß als Heilkraut
In der Volksheilkunde wurde Beifuß seit Jahrhunderten genutzt. Er galt als wärmend, ordnend und stärkend – ein Kraut, das den Körper unterstützt, wenn etwas schwer oder träge geworden ist. Besonders geschätzt wurde er in Zeiten körperlicher oder innerer Erschöpfung.
Beifuß war kein Allheilmittel, sondern ein Begleiter. Ein Kraut, das Maß und Aufmerksamkeit verlangte. Seine Bitterkeit wurde bewusst eingesetzt, sein Duft als Zeichen von Klarheit verstanden.


Der Rauch des Übergangs
Am deutlichsten zeigt sich das Wesen des Beifußes im Räuchern.
Sein Rauch ist krautig, herb und manchmal beißend.
Für mich ist der Beifuß wie ein Ritter mit seinem Schwert. Er wird aufdecken was sich in den Ecken versteckt und hinausjagen, was da nicht hingehört. Ja er schützt, er klärt. Aber sein Schutz ist nicht der eines weichen Mantels, sondern der der scharfen Waffe.
Traditionell genutzt, um Räume zu reinigen, heilige Stätten, Übergänge zu markieren oder Rituale vorzubereiten.
Beifuß wurde zu Sonnenwendfesten zu Gürteln gebunden mit denen man über das Feuer sprang und dann verbrannt, er wurde bei Reisen mitgeführt oder als Schutz aufgehängt.
Sein Rauch begleitete den Abschied, genauso wie den Neuanfang.
Anwendungen heute
Auch heute wird Beifuß vielseitig genutzt:
- als traditionelles Würzkraut für schwere, fettreiche Speisen
- als Räucherkraut zur Reinigung von Räumen und Stimmungen
- als Bestandteil von Kräuterbündeln
Verwendet werden vor allem die getrockneten Blätter und oberen Pflanzenteile. Sorgfältig gesammelt und langsam getrocknet behalten sie ihren charakteristischen Duft.
Ein stiller Begleiter
Beifuß ist keine laute Pflanze.
Er verspricht nichts.
Er wächst, wo Bewegung ist, wo Wege sich kreuzen, wo etwas endet und etwas anderes beginnt.
Vielleicht wurde er deshalb schon früh „die Älteste der Kräuter“ genannt.

Nicht, weil er alt ist – sondern weil er weiß, wie Wandel geht.